Darf ich vorstellen? Bohdan.

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Heute möchten wir einen besonderen Mitarbeiter vorstellen. Er ist nicht nur der jüngste unter uns, sondern auch unser neuester Azubi, der die Chance wahrgenommen hat und seinen Traumberuf bei uns erlernen will. Sein Weg zu uns ist wirklich spannend.

Lieber Bohdan, Dein Name klingt für unsere Ohren sehr ungewohnt. Woher kommt Du?
Ich komme aus der Ukraine, aus der Hauptstadt Kyiv. Wir wohnten in einem Wohngebiet am Rande der Metropole.

Warst du direkt vom Krieg betroffen?
In den ersten Tagen des Krieges konnte ich nur hören und sehen, wie Flugzeuge über unserer Stadt flogen. Wir haben die die vielen Kondensstreifen gesehen und auch wie ein Flugzeug abgeschossen wurde. Schon in der ersten Woche sind wir mit der Familie aufs Land geflüchtet. Aber auch dort hörten wir die Flugzeuge morgens um fünf über unserem Haus fliegen und wir wussten nicht: sind es Bomber oder unsere Jäger. Das macht einem wirklich Angst.

Foto von Bohdan


Wie alt warst Du zu dem Zeitpunkt als Du fliehen musstest?
Ich was damals 15.


Wie hat sich das zugetragen? War es eine lange Reise?
Ich hatte nur die Möglichkeit mit meiner Mutter zu fliehen. Zuerst waren wir ca. eine Woche in Kyiv, dann im Dorf. Danach sind wir in die Westukraine gefahren. Die Züge waren überfüllt und die Tickets waren für ältere Menschen und Frauen mit Kindern vorbehalten. Dann haben wir einige Tage in Lviv (Lemberg) und der Westukraine verbracht. Da hat uns die Nachricht von meinem Vater erreicht, dass im Saarland seit Jahren sein Studienkollege wohnt und uns helfen möchte und dass wir zu ihm fahren sollen. Dann sind wir über über die Slowakei und Tschechien mit dem Bus nach Deutschland gefahren. Wir wurden in den Ländern von Menschen versorgt. Ein Mann aus einem Dorf (ein Ehrenamtlicher) in der Slowakei hat uns mit seinem Auto mitgenommen.


Schön, wenn man Menschen findet, die einen so gut unterstützen. Was ist aus Deinem Umfeld geworden?
Meine Familie ist okay. Sogar meine Großeltern waren zweimal bei uns. Aber sie wollten nicht bleiben, weil sie sich hier ohne Sprachkenntnisse fremd fühlten. Deshalb sind sie schon seit anderthalb Jahren wieder in der Ukraine. Meine Schulfreunde sind auch geflüchtet: Nach Belgien, Österreich, Deutschland (Chemnitz) und Polen (die sind wieder in die Ukraine zurück). Einige sind in der Ukraine geblieben und unterstützen die Soldaten aus der Schule heraus. Da wird sehr viel gemacht.


Habt ihr noch Kontakt?
Ja, das geht alles über das Internet. In der Ukraine ist das bei einem Stromausfall wegen den Luftangriffen schon schwierig, aber sonst ist das kein Problem.


Wann bist Du in Deutschland angekommen?
Es war März 2022, zwei Wochen nach dem Anfang des Krieges. Auf die Einladung von unserem Bekannten hin sind wir direkt aufgebrochen.


Wie hast Du Deutschland in den ersten Tagen erlebt? Wie waren die Menschen zu Euch?
Am Anfang war es sehr chaotisch. Deutschland war darauf nicht vorbereitet. Wir mussten – glaube ich – fünfmal zum BAMF fahren, um die Dokumente zu bekommen. Die Menschen, die auf die Gemeinden verteilt werden sollten, wurden zuerst bedient. Wer schon eine Wohnung hatte, musste nach Hause gehen. Es dauerte zwei Monate, bis wir die Papiere hatten und umziehen durften.

Wie hat es mit der Eingliederung in die Gesellschaft oder in die Schule funktioniert?
Unsere Bekannte (die, die uns eingeladen haben) haben uns viel geholfen. Es gab bei uns auch einen Flohmarkt. Wir haben von dort auch viel bekommen von Menschen die Ihre Sachen für Flüchtlinge gespendet haben. (Ich bin wirklich sehr dankbar, dass sich die Menschen engagieren und helfen wollen.) Zuerst waren das die Menschen aus dem Ort, die uns geholfen haben.
In die Schule kam ich fast am Ende des Schuljahres. Die Schule hatte auch keinen Plan für uns. Also saßen wir einfach in der Klasse zwischen den deutschen Kindern und verstanden nichts. Erst im folgenden Schuljahr gab es Deutschkurse und das hat uns sehr geholfen. Es wurden viele Sachen erklärt: Was das Saarland ist oder wie Deutschland aufgebaut ist. Wie das Schulsystem in Deutschland aussieht und was ein Jobcenter ist. Das habe ich alles im Deutschkurs gelernt. Im zweiten Jahr konnte ich schon dem Unterricht etwas folgen und am Ende der 10. Klasse konnte ich gute Noten schreiben.


Wie hast Du Deine Mitschüler erlebt?
In der Schule in Völklingen hatte ich das erste halbe Jahr kaum Kontakt gehabt, weil ich nicht deutsch sprechen konnte. Danach hatte ich die ersten Freunde.


Einige Ukrainer haben parallel zur Schule im Saarland ihre Schule in der Heimat online besucht. Hast Du das auch gemacht?
Ja, genau. Dass ich so gute Noten in Mathematik und Physik bekommen hatte, das ist so, weil ich die Schule in der Ukraine noch besuchen konnte und weil ich dort schon in der 11. Klasse war und hier erst in der 10. Was ich dort gelernt habe, konnte ich hier gut nutzen. Meine Schule hat ein Profil für Mathematik und Physik und es wird dort in den Fächern auch mehr gelernt. Deshalb hatte ich in Deutschland mit den technischen Fächern kein Problem.


Wie kommst Du mit den typisch deutschen Eigenschaften zurecht, die im Ausland manchmal geschätzt und manchmal kritisiert werden: Genauigkeit, Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnung oder Konfliktscheue?
Ich schätze Genauigkeit, weil man dann auch weiß, was man machen muss um zum Beispiel die richtige Note zu bekommen. Also ist alles klar. Und wenn man Fragen hat, kann man fragen. In Bezug auf die Pünktlichkeit hat jeder sein Verständnis der Pünktlichkeit. Es hat mich in der Schule gewundert, dass auch Lehrer 5 bis 10 Minuten zu spät kommen. Ich schätze pünktliche Menschen. Über Konfliktvermeidung kann ich nur sagen, dass das schwierig ist, weil ich erwarte, dass mir Menschen direkt sagen „hier liegst du falsch“. Wenn man Angst vor Konflikten hat, macht man neue Probleme. Ehrlichkeit ist mir wichtiger. Dann kann man immer noch zwischen Ehrlichkeit und Konfliktvermeidung balancieren.


Warum hast Du Dich für die Informatik entschieden?
Ich war in einer Schule mit Mathematik als Profil. Seit der 7. Klasse haben wir Unterricht in Geometrie und Algebra gehabt. Es hat mich einfach interessiert. Auch so Sachen wie Logik finde ich spannend. Ich habe zusätzlich Informatik-Kurs gemacht. Es ist meine Begabung.


Es heißt, viele ukrainische Schüler hätten in der Schule sehr gute Noten und werden manchmal von anderen beneidet. Wie war es bei Dir? Was fiel Dir schwer? Wir wissen ja, dass Du in Mathe und Physik kaum einzuholen warst.
Deutschunterricht war für mich richtig schwer. Literatur und Gedichtanalyse – das war wirklich anstrengend. Politik war in den zwei Jahren auch nicht zu schaffen. Die Mitschüler haben es seit Jahren gekannt. Ich fand es aber gut, dass unsere Politik-Lehrerin sehr viel über die Ukraine (im Kontext der Weltpolitik) gesprochen hat.
Und in der Ukraine habe ich alles bis zur Abiturklasse gut geschafft. Aber die ukrainische Abiturprüfung macht man nur, wenn man in der Ukraine auch studieren will.


Bei wie vielen Betrieben hast Du Dich für die Ausbildung in etwa beworben?
Ich habe mich viel beworben. Ich habe schon im Winter angefangen. Meine Schulberaterin hat mir viel geholfen. Wie man eine Bewerbung schreibt und wie man ein Lebenslauf erstellt. Es waren etwa 20 Firmen. Ich habe mich auf der Ausbildungsmesse informiert und bei einigen davon vorgestellt. Ich wusste ganz genau, was ein Informatiker macht und was ich dort lernen werde. Es war nicht immer einfach, weil ich noch nicht so gut deutsch konnte. Und das war auch so eine Sache mit der Konfliktvermeidung: oft gab es gar keine Antwort. Man vereinbart ein Vorstellungsgespräch und sagt dann auf einmal „wir haben schon einen anderen gefunden“. Viele haben auch mit meinem ukrainischen Zeugnis vielleicht nichts anfangen können und wollten das deutsche Zeugnis sehen, das ich noch nicht hatte. Bei eXirius habe ich mich im Frühling beworben, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und nun bin ich da.


Die Informatik ist bei Dir auch in der Familie schon nichts neues, richtig?
Ja, genau. Mein Vater ist ein Software-Ingenieur. Er arbeitet auch mit Linux. Ich habe die Konsole bei ihm gesehen und die einfachsten Befehle ausprobieren können…


Warum hast Du Dich für eXirius entschieden?
Weil es eine Stelle für Anwendungsentwickler war und ich habe gesehen, dass sie auch mit Linux arbeiten und dass sie Anwendungen für die Datenbanken schreiben. Ich habe schon in der Ukraine in der Schule mit Datenbanken zu tun. Ich fand das interessiert und habe mich beworben.


Wie fandest Du den Einstieg bei uns? Hättest Du mehr Unterstützung gebraucht?
Ich bin der Meinung, dass man immer selbst lernen muss: Videos schaut oder Bücher liest. Es war in Ordnung. Nur Docker-Compose war ein schwieriger Einstieg, weil man schon am Anfang so viel wissen muss über Netzwerk, Disks, Befehle und so… Mit dem Arbeitsplatz bin ich sehr zufrieden. Auch, dass ich nach der Berufsschule Home Office machen darf und nicht in den Betrieb fahren muss. Es ist alles sehr gut.


Das ist schön zu hören! Was sind Deine Aufgaben bei eXirius?
Zur Zeit arbeite ich mit der Programmiersprache Go. Ich schreibe Skripte und Programme für die Automatisierung. Auch gehört zu meinen Aufgaben das Lernen. Auch die Hardware zu kennen ist wichtig. Als Programmierer muss man auch wissen, wie die Hardware funktioniert und wie sie eingerichtet ist und wie das alles zusammenhängt. Und im Bereich der Datenbanken bin ich bei PostgreSQL.


Wie ist es für Dich nach einem halben Jahr bei eXirius? Bist Du zufrieden: mit uns mit der Berufsschule?
Zu eXirius kann ich nur sagen: ich bin zufrieden. Ich mache das, was ich erwartet habe. Ich programmiere auch: Logik, Algorithmen – was ich gerne wollte. Die Berufsschule ist manchmal etwas schwierig. Fast jede Hausaufgabe ist eine Präsentation. (Vielleicht ist es deshalb, weil man am Ende der Ausbildung bei IHK präsentieren muss.) Oft verliefen wir viel Zeit im Unterricht, weil wir über Politik diskutieren, statt Informatik zu lernen. Ich denke aber, das meiste muss jeder sowieso selbst lernen. Es wird aber keiner daran gehindert, am Laptop etwas zu lesen oder für die Arbeit zu machen.


Wenn Du an die letzten 2-3 Jahre zurück schaust, würdest Du Dich anders entscheiden oder etwas anders machen wollen?
Ich bin mit der Ausbildung insgesamt zufrieden. Ich würde vielleicht nicht die B2-Prüfung machen, die man zum Studieren braucht. Das war sehr anstrengend und hat mich viel Zeit gekostet, weil es über meinem Niveau war. Ich sage nicht, dass man deutsch nicht lernen muss, sondern dass man bei der Prüfungsvorbereitung lernt, wie man die Prüfung gut besteht und nicht, wie man Deutsch spricht. Am besten lernt man deutsch in der Schule und schaut auch Nachrichten und Filme auf deutsch.